Erfahrung mit Legacy-Systemen und menschlicher Tragweite

Ich habe ein Legacy-System analysiert, das über 25 Jahre lang von einem einzigen Entwickler betreut wurde. Als ich es übernahm, lag dieser Entwickler im Sterben. Der Geschäftsführer saß an seinem Sterbebett und versuchte, ihm noch letzte Systemkenntnisse zu entlocken.

Es war ein Moment, der mich tief getroffen hat – nicht nur wegen der menschlichen Tragik, sondern auch wegen dessen, was dahinter stand: Ein Unternehmen, das jahrelang aus Sparmaßnahmen und mangelnder Wertschätzung auf Dokumentation, Teamarbeit und systemische Redundanz verzichtet hatte. Ein Mensch, dessen Lebenswerk in Form eines Systems übergeben wurde, das keiner mehr verstand.

Aus rein technischer Sicht war meine Bewertung klar:

  • Stabilisieren, wo es möglich ist – allein schon, um die Grundfunktionen abzusichern.
  • Währenddessen strukturierte Analyse der Bestandteile und Abhängigkeiten.
  • Parallelentwicklung from scratch, um langfristig ein wartbares System aufzubauen.
  • Wiederverwendung einzelner Komponenten – wo sie sinnvoll entkoppelt werden konnten.
  • Verzicht auf Eigenlösungen bei Hardware und Kommunikation: Keine selbst gelöteten Platinen, keine selbstgeschriebenen Bus-Protokolle – stattdessen standardisierte Komponenten.

Doch hinter dieser nüchternen Strategie stand auch eine Erkenntnis:
Es war die Zerstörung eines Lebenswerks – nicht durch Technik, sondern durch die fehlende Struktur, dieses Werk zu bewahren, zu würdigen und zu übersetzen. Es hätte nicht so enden müssen.
Und: Es wird wieder passieren, wenn Organisationen weiter Entwicklung als bloßen Kostenfaktor behandeln.

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